Das erfolgreichste deutschsprachige Werk vor Goethes Werther

Sebastian Brant: Das Narrenschiff / Jean Drouyn: La grant nef des folz. Lyon: Guillaume Balsarin, 1499

28,5 x 21 cm
Einband aus Schafleder über Holzdeckeln mit Metallschließe
Inc 331
Provenienz: Alter Bibliotheksbesitz
Sammlung: Inkunabeln der HAAB Weimar

Die aus vierhebigen Reimversen bestehende Urfassung als das zentrale Werk von Sebastian Brant, wurde am 11. Februar 1494 von Johann Bergmann in Basel gedruckt. Brant, der den Humanisten nahe stand, hatte in Basel neben klassischen Sprachen Rechtswissenschaften studiert und dann in Straßburg Poesie wie Recht gelehrt. Neben juristischen Arbeiten gehen auf ihn auch volksnahe Gedichte oder Übersetzungen antiker Autoren zurück. Sein Narrenschiff  wurde zum erfolgreichsten Werk der deutschen Literatur vor Goethes Werther. Das Werk stand am Anfang der Gattung der Narrenliteratur, die sich bis ins 18. Jahrhundert hinein halten konnte. Zu deren Vertretern gehörten auch Johann Fischart, Thomas Murner und Hans Sachs.[1]

Das Thema Narrenschiff  erfreute sich auch in Frankreich großer Beliebtheit: Das einführende Titelblatt der hier vorliegenden französischen Prosafassung vermittelt den Eindruck einer ausgelassenen Reisegesellschaft, die sich auf Reisen begibt. Das mit 111 Narren dicht besetzte Boot sticht in See. In der Welt von Narragonien scheint die Torheit keine Grenzen zu kennen und ein jeder stülpt sich die Narrenkappe über. Unsitten der Zeit über Stände hinweg werden als personifizierte Laster beschrieben, in Kapitel gegliedert, unter ein Motto gestellt und durch einen Holzschnitt bildwürdig gemacht. Neben menschlichen Schwächen und kleineren Vergehen werden auch der sieben Todsünden Wollust, Hoffart, Neid, Geiz, Zorn, Völlerei und Trägheit gedacht und einer näheren Betrachtungsweise unterzogen. 

Die französische Ausgabe in Bastarda, einer gotischen Kursivschrift, die man hauptsächlich in Frankreich und den Niederlanden für volkssprachliche Texte verwendete, wurde in der Offizin (Werkstatt) von Guillaume Balsarin gedruckt, der ab 1487 als Drucker und Buchhändler in Lyon tätig war. Die Übertragung des deutschen Textes ins Französische besorgte Jean Drouyn 1499[2], wobei es sich um eine Neuauflage von 1498 handelt, die zum letzten Mal 1579 bei Jean D’ Ogerolles in Lyon erschien. Schon 1497 hatte Pierre Rivière  die Versdichtung Le nef des folz du monde verfasst, die in freier Bearbeitung noch einmal 1532 in Paris erschien.[3]

Die Bibliothek besitzt außerdem zwei deutsche Ausgaben und eine lateinische.

Text: Claudia Kleinbub

[1] Vgl. KGdL 1981, S. 90-91 und Rohlfing 2006, S. 152.

[2] Vgl. Raffel 2007, S. 90-91.

[3] Hartl 2001, S. X.

Digitalisat des Buches: Sebastian Brant: Das Narrenschiff / Jean Drouyn: La grant nef des folz. Lyon: Guillaume Balsarin, 1499

Der Text erschien erstmals in: Reise in die Bücherwelt. Hrsg. im Auftrag der Klassik Stiftung Weimar von Michael Knoche. Köln, Weimar: Böhlau 2011.

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