Das früheste Nietzsche-Porträt

Curt Stoeving (1863–1939): Friedrich Nietzsche in der Pergola am Haus seiner Mutter in Naumburg, 1894

Maße: 105,6 x 77,3 x 2,3 cm
Material/Technik: Öl auf Leinwand
Inv.-Nr.: NGe/00605
signiert und datiert: "CVRT STOEVING f. / 1894. / Naumbg."
Provenienz: Nietzsche-Archiv
Sammlungen: Gemäldesammlung der Museen der Klassik Stiftung Weimar (Gemälde); Bestand Nietzsche-Archiv Ikonographie im Goethe- und Schiller-Archiv Weimar (Foto)

Wie wird man zur Ikone? Im Fall Friedrich Nietzsches lässt sich das gut nachvollziehen: Seine Karriere als Gegenstand der bildenden Kunst begann im Naumburger Haus seiner Mutter. Dort lebte er ab 1890 nach der Entlassung aus der Jenaer Nervenklinik. Auch seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche zog zunächst hier ein, als sie nach dem Suizid ihres Mannes aus Paraguay zurückkehrte. Anlässlich von Nietzsches 50. Geburtstag im Jahr 1894 und der Gründung des Nietzsche-Archivs wünschte sich die Familie ein künstlerisches Porträt des Philosophen, von dem bis zu diesem Zeitpunkt nur Fotografien existierten. Doch wie soll man einen geistig Kranken darstellen, zumal einen kranken Denker? Für Nietzsches Mutter kam für diese Aufgabe nur Franz von Lenbach in Frage. Doch seine Schwester beauftragte statt dessen den Berliner Maler Curt Stoeving.

Stoeving fertigte in kurzer Zeit zwei Gemälde, die er minutiös mit Fotografien und Messungen vorbereitete: das hier gezeigte Bild und ein deutlich größeres im Querformat, das sich heute in der Alten Nationalgalerie in Berlin befindet. Beide Porträts zeigen Nietzsche im Freien, in der dicht bewachsenen Pergola des Naumburger Wohnhauses. Dort hielt er sich häufig an der frischen Luft auf, wie Besucher aus jenen Jahren berichten.
Auf dem Weimarer Gemälde erscheint Nietzsche auf einer weißen Bank in der Ecke der Pergola mit etwas unbeholfen ineinander gelegten Händen. Unter dem schwarzen Rock trägt er einen weißen Krankenkittel, wie er auch auf Hans Oldes Weimarer Fotografien zu sehen ist. Auffällig sind die starre Frontalansicht und das kappenartige Haar, dem die auf anderen Darstellungen erkennbare Dynamik fehlt. Der Vergleich mit der von Stoeving als Vorlage angefertigen Fotografie zeigt, dass der Künstler die offensichtlichen Zeichen der Krankheit zu mildern versuchte. Anstelle eines Halbliegenden, dessen Füße auf einem Schemel ruhen und der teilnahmslos zur Seite zu blicken scheint, malte er einen aufrecht sitzenden Herrn von fast statuarischer Würde.
Die Erwartungen von Nietzsches Mutter und Schwester enttäuschte das Porträt trotzdem. Der Hausarzt der Familie versicherte, so krank sehe sein Patient selbst in dessen schlimmsten Tagen nicht aus. Der breiten Wirkung des Bildes tat das keinen Abbruch: Das Gemälde wurde 1895 in der Avantgarde-Zeitschrift PAN abgedruckt und kurz darauf mit Spendenmitteln für das Nietzsche-Archiv erworben. Der mit Nietzsche befreundete Autor Paul Lanzky widmete dem Bild 1897 sogar ein Gedicht, in dem er dem Wahnsinn seines verehrten ‚Meisters‘ nachspürt.
Die Bedeutung von Stoevings Porträt liegt darin, eine regelrechte Nietzsche-Ikonographie begründet zu haben. Den Höhepunkt dieser Entwicklung markieren wenige Jahre später die Darstellungen Max Klingers und Edvard Munchs, an deren Entstehung Elisabeth Förster-Nietzsche großen Anteil hatte. Nietzsches Schwester pflegte – und verfälschte – nicht nur sein Werk, sondern prägte auch sein Bild für die Nachwelt.

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